Brettballett adrett – Kickstarter-Kapitalismus für Anfänger und Nörgler

Brettspiele und Kickstarter gehören inzwischen zusammen wie das Amen und die Kirche. Passend dazu stelle ich immer wieder fest, dass Kickstarter in der Kombination mit Brettspielen arm machen – die Kirche lassen wir hier mal raus!
Ich glaube, ich erwerbe inzwischen mehr Brettspiele über Kickstarter als klassisch über den Handel.
Kürzlich musste ich meiner inzwischen sechzig Jahre alten Mutter erklären, was denn Kickstarter sei.

Ich: „Mutter, kennst du noch Versandhauskataloge?“
Mutter: „Ja, da musste ich dir in deiner Jugend immer PCs auf Raten bestellen, die du danach kaputt gebastelt hast!“
Ich: „Genau so läuft Kickstarter. Nur umgekehrt!“
Mutter: „Häh???“
Ich: „Statt Ware zu bekommen, die du erst mal nicht komplett bezahlst, gibst du jemand komplett das Geld für die Ware, ohne dafür etwas zu bekommen. Dann gewährst du ihm quasi ein bis zwei Jahre Aufschub und irgendwann bekommst du in Raten (Waves) mal deine Ware.“
Mutter: „Und wenn er nicht liefert kannst du ihm auch den Gerichtsvollzieher schicken? Und was wenn das Endprodukt dann schlecht und mangelhaft produziert wurde?“
Ich: „Nun…“
Mutter: „Wie?“
Ich: „Also, man hat eher weiter Geduld und hofft, dass ein gutes Produkt raus kommt…“
Mutter: „Das klingt ziemlich dumm und naiv so von außen betrachtet!“
Ich: „Nein, so werden Projekte realisiert, die es sonst nie geben würde, das ist toll!“
Mutter: „Klar, und Peter Zwegat lässt deine Schulden mal die nächsten Jahre links liegen und sagt den Inkasso-Diensten, dass du in den nächsten fünf Jahren bestimmt das Potential hast der neue Bill Bates zu werden.“
Ich: „Das kann man nicht vergleichen!“
Mutter: „Stimmt, du wirst nämlich nie der nächste Bill Gates!“

Da der weitere Verlauf des Gespräches für dieses Thema keine Rolle spielt und Dinge aus meiner Kindheit aufwühlen würde (schluchz!), blicken wir also weiter auf das Thema Kickstarter.
Im Endeffekt liefern wir uns bzw. unsere Moneten hier natürlich dem Gutdünken der aufstrebenden Kreativen aus. Wir haben eine Vorstellung von dem, was uns bei dem Spiel erwartet, meist haben die Personen dahinter im Idealfall eine gewisse Reputation und wie man in der deutschen Kneipenkultur so schön sagt:
„Hei gib ihm!“
Rein mit der Kohle in die Finanzierung. Sollte man unsicher sein, dann hat man drei Möglichkeiten:

  1. Die Kampagne im Schnitt 30 Tage beobachten und täglich seine Kreditkarte ein Stück weiter von sich wegschieben, da jeder Tag härter wird.
  2. Die Hoffnung haben, dass das Spiel danach auch im normalen Handel erscheint und sich demonstrativ und diszipliniert einreden, dass man die exklusiven Kickstarter-Extras nicht benötigt
  3. Die Meinungen nach der Auslieferung abwarten und das Spiel für überteuerte Preise über Ebay oder einschlägigen Facebook-Gruppen kaufen

Gerade Punkt 3 ist mein großer Favorit. Nicht, weil ich dies so gerne zelebriere, sondern weil dies einen Unterhaltungsfaktor von der Größe einer Trump-Pressekonferenz mit Alice Schwarzer hat.  
Dabei spielen sich immer wieder ähnliche Verhaltensmuster ab, die sowohl auf Seite des Verkäufers, als auch auf Seiten der Kommentierenden zu finden sind.
Hier mein Kickstarter-Verkaufs-Bullshit-Check:

Seite A – Verkäufer:

  • Mist, mein Regal ist voll, ich muss das Spiel leider verkaufen ( Dass das Spiel doppelt so teuer ist, wie das, was ich bezahlt habe spiele keine Rolle, ich brauche immerhin neue Regale aus dem Holz einer 1.000 Jahren alten Eiche)
  • Oh, ich habe das Spiel aus Versehen doppelt gebacked (geht mir auch immer so beim Autokauf, ich hab‘s ja, und plötzlich stehen wieder zwei Ferraris vorm Haus – ach ja, Spiel ist trotzdem doppelt so teuer)
  • Mein Kumpel, mit dem ich das Spiel zusammen bebackt habe, ist vom Kauf zurückgetreten (such dir neue Kumpels oder verpass ihm einen Arschtritt, wenn es so unzuverlässig ist, oh Moment, Spiel ist ebenfalls doppelt so teuer – das muss Trauerbewältigung sein)
  • Will das Spiel krass fett mit Gewinn verkaufen, eure Armut kotzt mich an, los zahlt mir meinen überzogenen Preis (skurrilerweise die ehrlichste Variante – zum Glück hat dieser Mensch hoffentlich viele Freunde, denn neue findet er/sie so nicht mehr)

Seite B – aktive Zuschauer und Anti-Kapitalisten

  • Schäm dich, wir haben alle dasselbe Hobby, fair wäre das Spiel herzuschenken, damit wer anderes damit Spaß haben kann (am besten mir, damit ich es teuer weiterverkaufen kann)
  • Also du hast zwei Jahre auf dein Spiel gewartet und willst jetzt mehr Geld als selber gezahlt dafür haben? Kapitalisten-Sau! (Scheisse, warum bin ich nicht auf die Idee gekommen)
  • Lasst den „armen“ Verkäufer doch in Ruhe. Ihr müsst es doch nicht kaufen! (ich weiss aber, dass ihr wollt und finde es geil noch etwas Öl ins Feuer zu gießen)
  • Tauscht du das Spiel vielleicht gegen meine Klonk!-Promokarte? (fett!)

Am Ende liegt die Wahrheit sicher in der Mitte. Zum einen sehe ich solch ein Verhalten entspannt, dann während des Kickstartes hat ja glücklicherweise jeder die Gelegenheit ein Teil davon zu werden. Dies ist für mich ein Unterschied zu bspw. den Ticketverkäufern, die aktiv das Kontingent auf- und wegkaufen, um die Limitierung auszunutzen und dann teuer weiter zu verhökern.
Zum anderen bleibt es am Ende ein Teil des Grundproblems:
Egal ob vorher oder nachher – Kickstarter bleibt für uns Brettspieler eine verdammt teure Nummer!

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